Eine große Stimme ist verstummt

Eine große Stimme ist verstummt

Zeitlebens begleitete der Geist der Poesie sein breites Schaffen in obersorbischer, niedersorbischer und deutscher Sprache. Kito Lorenc wurde 1938 in Schleife geboren. Erst als Schüler und Erwachsener lernte er Sorbisch. Er studierte in Leipzig Slawistik und Pädagogik und arbeitete danach elf Jahre im Institut für sorbische Volksforschung in Bautzen. Dort eignete er sich tiefgründige Kenntnisse über die Geschichte und Gegenwart der sorbischen Literatur an, die er beständig vertiefte und aus denen er zeitlebens schöpfte. Nach einer Zeit als Dramaturg am Sorbischen Nationalensemble arbeitete er von 1979 freiberuflich in Wuischke am Czorneboh. Bereits im Jahr 1961 erschien seine erste sorbische Gedichtsammlung. Ein erster Höhepunkt wurde das zweisprachige Buch „Struga. Wobrazy našeje krajiny. Bilder einer Landschaft”. Zweisprachigkeit war fortan ein Markenzeichen seiner Arbeit. Es folgten unzählige sorbische und deutsche Gedichtbände, der letzte, „Zymny kut” [Der kühle Winkel], erst vergangenes Jahr im Domowina-Verlag. Der aufmerksame Leser lernt mit Lorencˈ Gedichten seine poetische Heimat Lausitz kennen, sein Herkommen, sein Dichten. Er entdeckt Landschaft und Natur, wie sie der Dichter sieht, anziehend und zerbrechlich, bedrohlich und zerstört. Ein großes Feld nimmt bei Kito Lorenc die Herausgabe sorbischer Literatur ein, verbunden mit zahlreichen Übertragungen in die deutsche Sprache. An dieser Stelle sei erinnert an Handrij Zejler (Der betresste Esel, 1969), Jurij Chěžka (Poezija małej komorki/Poesie der kleinen Kammer, 1971) und Mina Witkojc (Mina Witkojc – eine Dichterin, 1976), an die kommentierte Enzyklopädie „Sorbisches Lesebuch/Serbska čitanka“ (1981), an den versammelten Fundus der sorbischen Poesie „Das Meer Die Insel Das Schiff“ (2004) und natürlich an 60 Hefte der Reihe Serbska poezija (Sorbische Poesie, 1973–2014). Lorenc war eng mit dem Theater verbunden. 1994 wurde die Tragigroteske „Die wendische Schiffahrt” mit großem Erfolg uraufgeführt. Poetische Vermittlung nach innen und außen war sein umfassendes Thema. Für sein Wirken wurde Kito Lorenc mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Er war Mitglied des deutschen PEN-Zentrums und wurde in die Sächsische Akademie der Künste aufgenommen. Über Lorenc zu schreiben heißt auch, seine Bedeutung als Förderer und vielfältiger Impulsgeber der sorbischen Literatur zu würdigen. Als Mentor des Kreises junger Autoren (1969–1976) hat er eine neue Generation sorbischer Dichterinnen und Dichter begleitet, Benedikt Dyrlich, Róža Domašcyna, Marja Krawcec. Mit ihnen wurde die sorbische literarische Welt größer. Seit dem Jahr 2000 kümmerte sich Kito Lorenc als Vorsitzender des Vereins Freunde der Smolerˈschen Verlagsbuchhandlung um notwendige Voraussetzungen für die Verbreitung sorbischer Literatur. Seine größten Impulse aber gibt sein Werk, sein beständiges, unermüdliches, kluges Schreiben in sorbischer und deutscher Sprache, das es immer wieder zu entdecken gilt. Es ist keine Mühe, es ist Freude, doppelte Freude für diejenigen, die es in Sorbisch und Deutsch lesen können.

Marka Maćijowa

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