Die Erde aus dem Traum
Herausgegeben und übersetzt von Kito Lorenc; Reihe »Die sorbische Bibliothek«
2002
107 S., Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN 978-3-7420-1919-6
Rubrik: Belletristik
Thema: Die sorbische Bibliothek
Sprache: deutsch
Jurij Chěžka (1917-1944) war wahrscheinlich der ambitionierteste und fortschrittlichste sorbische Lyriker seiner Zeit. Seine Werke gelten heute als der erste Höhepunkt moderner sorbischer Poesie. Der Herausgeber Kito Lorenc dichtete Chěžkas ausschließlich sorbische Gedichte nach und veröffentlichte sie zusammen mit einem einführenden Essay zum Leben und Werk des »Frühunvollendeten«, der bereits 1937 seinen ersten Gedichtband veröffentlichte, 1944 in Jugoslawien tragisch ums Leben kam.
Chěžkas Gedichte sind von Bilderreichtum und Rhythmik geprägt, er legt manch ungewohnte Sichtweise an den Tag. Dennoch mag der Leser einige Texte »als unaufdringlich aktuell empfinden«.
Dem Buch sind drei Meinungen zur einer zweisprachigen Ausgabe von Kito Lorenc von 1971 beigefügt.
Leseproben
Erinnerungen
Erinnerungen früherer Zeiten,
was macht ihr mir so trüben Sinn,
ist doch der Augenblick, der eine
des Glückes, ewig mir dahin.
In eurem reinen Licht gefangen
will ich mich wiegen sorgenlos,
die alte Wonne in den Adern,
geborgen sein in eurem Schloß.
Doch dies hat nur noch kurze Dauer:
erloschner Schein, von dem ihr bliebt.
Ach, niemals würde ich entbehren,
was nie mein eigen, nie ich liebt´.
Wie ich mich heute nach euch sehne,
so künftig ihr mir folgen sollt;
wohl wird es nimmermehr hier wieder
so schön wie einst – doch seid mir hold!
Fantasie
Ich sah den Tod, er saß am Rain
des Roggenfeldes starr.
Ans blanke, laute Sensenblatt
die grünen Ähren schlagen,
und ringsumher sirrt grauser Ton:
Solingen Solingen Krupp
Der Tod erhebt sich, schickt im Kreis
den Diebsblick – nirgend Wächter.
Es seufzt und stöhnt das junge Korn,
der Tod lobt sich die Sense,
die da in leisen Sätzen spricht:
Solingen Solingen Krupp
Noch sind wir nicht lebensmüd
Hej, noch sind wir nicht lebensmüd,
kleines Kämmerlein.
Glüht ein Abendstahl
heiter noch nach Süd,
heiter noch nach Süd
schaun wir allemal.
Schwimmt aus Süd, vom Meer
Windfreund Africus,
schon ins Fenster her
lächelnd Rosen winken,
bis die Köpfe sinken:
Gute Nacht und Kuss.
Glück wie Unglück – dies
hab ich alles hier,
denn vom Erdenparadies
wohnt ein Stück bei mir.
