Lausitz rundum
Zwischen Rand und Mitte
2010
304 S., viele Farbfotos, Hardcover
ISBN 978-3-7420-2150-2
Rubrik: Sorbische Geschichte
Thema: Lausitz
Sprache: deutsch
Schon lange hat Alfons Frenzel landauf, landab seine feste Leserschaft. Für sein neuestes Buch reiste er durch die gesamte historische Ober- und Niederlausitz, von Zittau bis Beeskow und von Bad Liebenwerda bis Lubań (Lauban) in Polen. Überall entdeckte er bisher wenig bekannte oder gänzlich versteckte Winkel und mit ihnen verbundene historische Begebenheiten. Auf den ersten Blick ganz unscheinbare Dinge gewinnen durch Frenzels aufmerksamen, geschichtsbewussten Blick plötzlich an Bedeutung. So erkundet er die schönsten Altstädte im Land, forscht nach dem lausitzischen Troja, erklärt den Salzgurkenmeridian oder schaut den Lausitzern aufs Maul. Und ob Storkow, Golßen, Guben, Neuzelle, Herrnhut, Schirgiswalde oder Königsbrück, vielerorts findet er Spuren sorbischer Vergangenheit.
Leseprobe
BODENSCHÄTZE
Segen oder Fluch?
Gold. Welch nahezu mythische Bedeutung wird diesem Metall beigemessen. Gold ist rar. Das liegt auch daran, dass es nur so wenig davon gibt. Alles Gold, das weltweit je aus Flüssen gewaschen und aus der Erde geschürft wurde – ob die kirschgroßen Nuggets aus Kalifornien oder aus den kilometerlangen Goldadern von Südafrika, aus den entlegenen Gegenden Sibiriens oder den südamerikanischen Anden –, füllt kaum zwei große Schwimmbecken. Insgesamt sind bis heute 161.000 Tonnen Gold gefördert worden, mehr als die Hälfte davon erst in den vergangenen 50 Jahren. Der unvergängliche Glanz dieses Edelmetalls und seine Formbarkeit haben es zu einem übernatürlichen Symbol für Reichtum und Unsterblichkeit gemacht. Rund 700 Jahre vor dem Beginn des Goldrausches in Kalifornien kamen Goldsucher an die Bäche in den bewaldeten Höhen des Lausitzer Berglandes. In der Oberlausitzer Grenzurkunde wird er 1241 als Zlatwina erwähnt. Goldbach heißt ein Zufluss der Wesenitz, welche am Valtenberg bei Neukirch entspringt.
Geografisch lässt sich das Oberlausitzer Golddreieck um den Hohwald bei Neustadt einkreisen. Nicht von ungefähr wurde »Nuwenstadt im Ampt Honstein« einst von Freiberger Bergleuten gegründet. 1333 ist erstmals von einer Goldgewinnung bei Neustadt die Rede. An der Quelle der Wesenitz am Valtenberg befindet sich das zugemauerte Mundloch eines von 1752 bis 1756 angelegten rund 60 Meter langen Grabstollens. Ob sich die Goldausbeute gelohnt hat? Bislang trifft für die Lausitz eher zu, was Samuel Grosser in seinem Buch »Lausitzische Merckwürdigkeiten« 1714 schreibt, dass sie »doch allemahl eine Gold-Grube ohne Gold geblieben« sei. Die Versuchung ist nicht ganz geschwunden. Freizeit-Goldwäscher sind auch heute noch um den Hohwald anzutreffen. Zur Beruhigung: Für ein Gramm Gold sind mindestens 20 Zentner Bachschlamm zu bewegen. Vielleicht lässt das ganz große Glück noch auf sich warten? Zunächst hat die Erdgeschichte der Lausitz etwas anderes beschert.
»Gott hat die Lausitz geschaffen, aber der Teufel hat darunter die Kohle versteckt«, heißt ein gern zitiertes Lausitzer Sprichwort. Es war ein ganz natürlicher Vorgang; hier gab es Wälder mit Baumriesen, selbst die Schachtelhalme waren zehn bis zwölf Meter hoch. Die abgestorbenen Bäume und Pflanzen wurden von Sedimenten überdeckt und unter Luftabschluss zu Braunkohle. Die gewaltige Last von Gletschern während der Eiszeit drückte alles zu mächtigen Flözen zusammen. In den riesigen ausgeschabten Mulden der Braunkohlentagebaue kann man es deutlich sehen. Allerdings müssen die Bagger zum Beispiel im Tagebau Welzow-Süd bis zu sechzig Meter Sand abtragen, ehe sie auf Lausitzer Braunkohle stoßen. Wo sich riesige Eimerkettenbagger durch das Erdreich fressen und die größten Abraumförderbrücken der Welt das schwarze, gegrabene Tal überspannen, gab es Dörfer. Noch heute müssen Menschen in der Lausitz wegen der Kohle Haus und Hof für immer verlassen.
Seit 1789 ist bekannt, dass unter dem Boden der Lausitz Braunkohle zu finden ist. Seit über 200 Jahren lebt die Lausitz von und mit der Braunkohle. Wurde sie früher lediglich als Heizmaterial verfeuert, bekam sie mit dem Industriezeitalter eine neue Dimension. In Kraftwerken wurde sie verstromt, in Schwelereien veredelt. Die ausnahmslos landwirtschaftlich geprägte mittlere Lausitz verwandelte sich in eine Industrieregion. Hatte Hoyerswerda im Jahr 1568 »76 besessene Mann in der Stadt« und »35 in der Vorstadt«, wuchs die Einwohnerzahl bis 1950 auf 8.527. Der Paukenschlag kam 1954 mit der Errichtung des Industriegiganten »Schwarzen Pumpe«, so hieß ursprünglich ein Gasthof an der Straße von Hoyerswerda nach Spremberg. Der erste Strom, die erste Wärme und die ersten Briketts aus dem Kombinat Schwarze Pumpe kamen am 30. April 1959. Hoyerswerda wuchs in dem Maße, wie Leute hier herzogen und aus ihren Dörfern auszogen. Inzwischen ist Hoyerswerda wieder geschrumpft.
Dennoch, in weiten Gebieten gleicht die Lausitz dem erweiterten Betriebsgelände eines Bergbauunternehmens. Zwischen Welzow und Boxberg erstreckt sich eines der drei großen Braunkohlereviere Deutschlands. Von den insgesamt 22.500 in der deutschen Braunkohlenbranche beschäftigten Menschen zählte Vattenfall 2008 in der Lausitz knapp 7.400 Mitarbeiter. Bis 2040 soll die Lausitzer Braunkohle voraussichtlich reichen, da hier immer noch etwa 13 Milliarden Tonnen davon lagern. Die einen freut es, dass sie die Kohle herausholen können und viele Menschen Arbeit in Tagebauen und Kraftwerken haben. Es werden aber mit der Abbaggerung von Dörfern auch weiterhin Heimatverlust, der Verlust von Kulturlandschaft und Natur einhergehen, auch wenn Renaturierung heute neue Möglichkeiten schafft.
Doch schon lange vor der Kohle wurde in den Lausitzer Böden gegraben, in Jahmen bei Klitten zum Beispiel. Als 1390 erstmals der Ortsname Jamen erwähnt wurde, was auf sorbisch jama ›Grube‹ hindeutet, muss es hier bereits ausgehobene Eintiefungen im Gelände gegeben haben. Um welche Art von Grabung wird es sich dabei wohl gehandelt haben? Nur ein paar Kilometer entfernt gibt ein anderer Ort mit seinem Namen eine Erklärung: Rauden, sorbisch Rudej, bezieht sich auf ruda ›Raseneisenerz, rotbraune Erde‹. Man staune, die Lausitz war ein frühes Zentrum der Eisenproduktion. Spreehammer, Hammerstadt, aber auch Boxberg, das sorbisch Hamor heißt, deuten auf einstige Anlagen, in denen das unter der Erdoberfläche liegende Raseneisenerz gewonnen und verarbeitet wurde. 1336 ist erstmals ein Hammerwerk in Boxberg erwähnt. »In Boxberg machen sie aus meinem Golde Eisen«, pflegte einst der Besitzer der Standesherrschaft zu Muskau, Prinz Friedrich Karl der Niederlande, zu sagen. Im 16. Jahrhundert produzierte man in nahezu 50 Werken im offenen Holzkohlenfeuer schmiedbares Eisen. Geschmiedet wurde alles, was in der Landwirtschaft gebraucht wurde. Eine Sense war daraus allerdings schlecht zu machen.
Der Ortsname von Caminau bei Königswartha, 1532 als Camen erstmals erwähnt, ist unmissverständlich auf kamjeń ›Stein‹ zurückzuführen. Der Ortsname aber ist etwas irreführend. Was hier aus dem Boden gewonnen wird, hat mit einem Stein nichts mehr zu tun. Bereits vor Jahrmillionen, etwa im Zeitraum von Jura bis Tertiär, hat das Gestein eine Umwandlung erfahren. Durch chemisch-physikalische Verwitterung wurde aus Lausitzer Granit ein feiner Ton. Man könnte ihn beinahe als Grundstoff für die Herstellung des »weißen Goldes« annehmen, daher wird er auch Porzellanerde genannt. Die Lagerstätte in Caminau hat immerhin eine mittlere Kaolinmächtigkeit von 23 Metern.
»Jenseits der Elbe sind alle Versuche auf Silber, Kupfer und Eisen unbelohnt geblieben, wenn man vom Raseneisenstein einiger Niederungen absieht«, heißt es in einer früheren Beschreibung von Sachsen. Zumindest kennt man aber im Spreetal von Bautzen den Kupferhammer, urkundlich bereits 1544 erstmalig als Kuppermolen (Kupfermühle) erwähnt. In der felsigen Talflanke deuten Spuren darauf, dass hier bereits im 14. Jahrhundert Erzsucher zu Werke gingen. Nach Vasco da Gamas Pionierfahrt 1497 nach Indien wurde Kupfer zunehmend ein begehrtes Zahlungsmittel im Gewürzhandel. Schiffe mit tonnenschweren Kupferladungen fuhren in den frühesten Tagen des Welthandels um die Südspitze Afrikas, um Vermögen an Pfeffer und Gewürzen aus Indien nach Europa zu holen. Die Fugger, die im Mittelalter nicht nur die Bankiers der Kaiser und Päpste waren, sondern auch Inhaber des Kupfermonopols für ganz Europa, aber hätte darum diese Nachricht wohl aufhorchen lassen: Unter der Lausitz wird ein Kupferlager auf einem Areal von 387 Quadratkilometern vermutet. Die gesamte Lagerstätte soll 1,5 Millionen Tonnen reines Kupfer enthalten. Das Ganze wäre jedoch bedeutungslos geblieben. Der Schatz im Boden der Lausitz, von dem die Geologen bereits seit den 1960er Jahren wissen, konnte bislang nicht abgebaut werden; zu tief versteckt liegt er, bis zu 1.500 Meter.
Kein Computer, kein Handy, kein Kühlschrank funktioniert ohne dieses Metall. Durch kaum einen anderen Stoff fließt der Strom so leicht und so schnell hindurch. Der Preis für Kupfer, einen der begehrtesten Rohstoffe, hat sich in den vergangenen Jahren verfünffacht. Es könnte sich also lohnen, selbst solche schwer zugänglichen Reserven auszubeuten. Durch die Lagerstätten bei Spremberg könnte Deutschland zu einem der zwanzig wichtigsten Kupferproduzenten weltweit werden. So wird gesagt.
