Wie man seine Sprache hassen lernt
Sozialpsychologische Überlegungen zum deutsch-sorbischen Konfliktverhältnis
2010
184 S., Abbildungen, Broschur
ISBN 978-3-7420-2178-6
Rubriken: Kulturforschung und Volkskunde, Kulturgeschichte, Sozialgeschichte
Sprache: deutsch
Gewaltsame Germanisierung, Marginalisierung, versteckte und offene Diskriminierung der Sorben in Vergangenheit und Gegenwart – das Wissen darum ist lückenhaft. Der kaum geführte Diskurs über die diffizilen deutsch-sorbischen Beziehungen führt dazu, dass die gegenseitigen Vorurteile auch nach der politischen Wende von 1989/90 nicht verschwunden sind. Hier setzt der Autor an und versucht sozialpsychologische und mentalitätsgeschichtliche Aspekte in den Beziehungen zwischen Mehrheit und Minderheit aufzuzeigen, die bisher nicht im Blickfeld der Öffentlichkeit standen. Dabei nimmt er den von Arnošt Muka geprägten Begriff Němcowar (Deutschsprecher) auf und zeigt, wie Sorben an der Unterdrückung der eigenen Sprache und Kultur beteiligt werden konnten und wie Aggressionen gegen das Eigene gefördert wurden – sogar im scheinbar national selbstbewussten sorbischen katholischen Milieu.
»Waldes umfassende und düstere Dokumentation ist in ihrer Tragweite kaum zu überschätzen. Erstmals bringt sie eine jahrhundertealte Tradition der Entwürdigung und Unterdrückung des sorbischen Volkes systematisch zur Sprache. Walde geht den Figuren einer strukturellen Gewalt nach, die sich dem konventionellen Zugriff der Geschichtsschreibung weitgehend entzieht und deren zerstörerische Folgen für das Kollektiv bis heute vernachlässigt werden.« Dr. J. Buchmann im Nowy Casnik
»Und heute? Der Schlussabschnitt ,Nach dem Einigungsvertrag’ ist eine Pflichtlektüre für deutsche Politiker und Bischöfe. Der nach der Wende von 1989 durchgesetzte Rechtsstaat ist formal geblieben. Die bürger- und menschenrechtlich inspirierten Sorben-Artikel der Landesverfassungen Brandenburgs und Sachsens haben die kollektiven Rechte dieser Minderheit nicht erreicht und nicht garantiert – kein einziges von ihnen. Die Entmutigung ist entsprechend grenzenlos.« Ernst Köhler in der Sächsischen Zeitung
Leseprobe
Narzissmus der kleinen Unterschiede
Die (Feind-)Bilder über die Sorben haben gleichfalls eine lange Geschichte. Typisch dafür ist, dass Sorben in der Lausitz als die Anderen bzw. Fremden gesehen werden, die „hinterhältig“ und „minderwertig“ seien. Diesem negativen Bild steht dann unterbewusst kontrastierend ein positives Selbstbild gegenüber. Wie die Meinungen deutscher Publizisten über die „typischen Eigenarten der Sorben“ von Vorurteilen und Ressentiments geprägt sind und wie diese oftmals weit auseinander gehen, lässt sich schon an wenigen Beispielen demonstrieren. Mitunter sind sie so widersprüchlich, dass sie sich selbst aufheben. Der deutsche Kirchenhistoriker Christian Knauthe schreibt 1767, dass der Sorbe seine Sprache „als seinen größten Schatz achte, hingegen den größten Widerwillen gegen die Erlernung der deutschen Sprache beweise.“1 Ähnlich der Regionalhistoriker Christian K. Gulde 1785: Die Sorben „lieben ihre Sprache, so sehr man auch bedacht gewesen, dieselbige gänzlich auszurotten“2. Dagegen berichtet der durch die Lausitz Reisende Johann Chr. Hornuff 1790, dass im Gasthof, wo er übernachtete, der „Gastwirt ein Wende war“, dies aber verheimlichte, weil er „sich seiner Muttersprache schämte […]“3 Oder ein gewisser Candidus notiert in sein Tagebuch: „Ruhig und beherrscht sind die Bewohner des Spreewaldes; sie können nur in Wallung geraten, wenn man sie als Slawen bezeichnet, denn seit Jahrhunderten fühlen sie sich als Deutsche. Aber sie sind stets für eine Kulturautonomie eingetreten, die ihre Sprache und ihre kulturelle Eigenart garantiert.“4
Der sorbische Schriftsteller und Aufklärer Jan Hórčanski kritisiert 1782 die „deutsche Gesellschaft“, welche geneigt sei, „sich von ihrem eigenen Wert eine größere Idee zu machen, als sie wirklich ist; eine solche Neigung verleitet sie natürlicherweise zur Verachtung Anderer. […] Vorurteile sind nichts anderes als Ausgeburten der Einbildungskraft. […] Unter allen Vorurteilen aber ist wohl keines so allgemein, als dasjenige, nach welchem jede Nation sich selbst den Vorzug vor allen anderen zueignet. […] Die wendische Nation […] hat das Schicksal, dass man sie immer mit Verachtung angesehen hat.“5 Einige Seiten weiter geht er schließlich auf die Wirkung der ständigen Demütigungen ein. Viele Sorben, welche bereits „in Deutsche verwandelt worden sind, sehen es nicht gern, dass es jemand wisse, dass sie geborene Wenden sind“.6
Der aus Merseburg stammende, aber in Görlitz – das heißt in der Lausitz – lebende Johann A. Tamm 1792 schreibt, dass der moralische Zustand des größten Teils der Sorben „nicht viel über dem des Tieres steht […] Den Feldern, den zerfallenen und nicht reparierten Häusern, den zerbrochenen und nur mit Holzspänen geflickten Fenstern, den von Fruchtbäumen leeren Gärten, den zerlumpten Kleidungen der Menschen, allem sieht man an, dass diese nicht fleißig genug arbeiten und dass in dem Mangel des Fleißes der Grund der schlechten Kultur und des elenden Zustands liegt“.7 …
Johann G. Schmohl aus Pülzig bei Wittenberg beobachtet 1781 dagegen: „Lächerlich mag das immer dem Deutschen klingen, in dessen Augen die Slawen ein träges, unwissendes, großer Handlungen unfähiges Volk seien. […] Die wendischen Bauern, die sich in meiner Gegend befanden, trieben ihre Landwirtschaft mit weit mehr Ordnung und Recht im ganzen Dorf, erzogen ihre Kinder musterhafter, erwarben sich oft durch rechtmäßige Mittel noch mehr als ein Gut zum Alten […]“8
In dieser Weise könnte man beliebig fortfahren. Stets hängt es zu einem großen Teil von der Perspektive, den Vorurteilen oder der Erwartungshaltung des Betrachters ab, wie er die Sorben erlebt hat bzw. wie er sie sehen will. Doch es fällt auf, dass viele nichtlausitzische Autoren über Sorben unvoreingenommener schreiben. Auch betrachten sie die Sorben zu Deutschland zugehörig. Im Gegensatz dazu sehen viele deutsche Autoren, die aus der Region oder der näheren Umgebung stammen, die Sorben als die „Fremden“ an, haben Probleme mit deren angeblichen „Eigentümlichkeiten“ und ihrer Sprache und stellen das deutsch-sorbische Zusammenleben eher zwiespältig dar.
Für die kulturelle Nähe oder Distanz zu anderen Völkern gibt es keine exakten Kriterien, sondern nur diffuse Kategorien. Sigmund Freud vertritt beispielsweise in der bereits erwähnten These „Narzissmus der kleinen Unterschiede“9, dass gerade etwas Fremdes in vertrauten Erscheinungsformen der Kultur den Menschen mehr stört als kulturelle Phänomene, die von seinen Gefühlen weit entfernt sind und exotisch wirken. Dem Deutschen sind zum Beispiel Polen, Tschechen oder Sorben kulturell näher als Chinesen oder Mexikaner. Käme zum Beispiel der Deutsche nach China oder nach Mexiko, sähe er mehr Unbekanntes als bei seinen Nachbarn, mit denen er viel Gemeinsames hat. Die Folge ist, dass die Lernbereitschaft und Neugier gegenüber den Nachbarn geringer ist als bei Völkern, die nicht nur geografisch, sondern auch kulturell weiter „entfernt“ sind. Sie erscheinen exotischer, was dazu reizt, die fremde Kultur zu entdecken. Die empfundene Kulturdistanz liefert also ein Interesse für das Exotische. Dagegen hat die enge Nachbarschaft durch die gemeinsame Geschichte viele Übereinstimmungen. Diese Ähnlichkeiten gehen jedoch nicht so weit, dass man von „gleicher“ Lebensweise und Alltagskultur sprechen könnte. Denn tatsächlich wird in vielen Lebensbereichen aufgrund unterschiedlich entwickelter Lebenssituationen unterschiedlich gelebt, gehandelt und gedacht. Meist sind es nur feine Unterschiede, die beim ersten Hinsehen entdeckt und als etwas extrem Abweichendes oder gar Unangenehmes und Störendes empfunden und bewertet werden. Es wird als etwas Fremdes, ja als „unvereinbar“ mit der eigenen Lebensweise wahrgenommen. Umso stärker schlägt dies in Gereiztheit, Überheblichkeit um.10 Die Folge ist, dass die Unterschiede künstlich verstärkt werden, welche die bereits vorhandenen Klischees und Vorurteile bestätigen. Diese Klischees als „Bilder in den Köpfen“ können das Verhalten stark beeinflussen, letztlich von der Realität ablenken und die Wahrnehmung in eine ungünstige Richtung lenken.11
1 Knauth, Derer Oberlausitzer Sorberwenden, S. 375.
2 Gulde, Versuch eines Verzeichnisses, S. 211.
3 Zwahr, Meine Landsleute, S. 123.
4 Ebd., S. 418.
5 Hortzschansky, Gedanken , S. 3 f.
6 Ebd., S. 16.
7 Zwahr, Meine Landsleute, S. 130 f.
8 Ebd., S. 8.
9 Freud, Unbehagen, S. 104 f.
10 Orlowsky/Orlowsky, Narziß und Narzissmus, S. 390.
11 Engelmann, Unterschiede, hier besonders S. 23 ff.
