Cover

Das Ende vom Paradies

Roman, Nachwort Jurij Koch

Ausgehend vom Anfang des 20. Jahrhunderts, widmet sich der Autor auf über 600 Seiten dem Leben einer sorbischen Familie über drei Generationen bis in 1980er-Jahre. Bewegend schildert er all die Wirren, die die Schusters durchlebt haben. Das Einbeziehen historischer Ereignisse macht den Roman zu einem lebendigen Zeugnis der jüngeren Geschichte.


Beschreibung

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Inmitten der Oberlausitz, am Heiderand versteckt, liegt eine idyllische Fünf-Häuser-Siedlung, die »Paradies« genannt wird. Dort wohnt der sorbische Bauunternehmer Paul Schuster mit seiner Frau, seiner zweiten, und er könnte den wohlverdienten Ruhestand genießen, stünde da nicht als bitteres Fazit: »Alles falsch gemacht im Leben«. Gedrängt von seinem Sohn, verbringt Schuster seine alten Tage damit, sich an das Erlebte zu erinnern.
Christian Schneider fügt die Erinnerungen des Vaters und die des Sohnes zu einem dokumentarischen Epochenroman, der sich dem Leben einer Familie über drei Generationen widmet, ausgehend vom Anfang des 20. Jahrhunderts bis in dessen 80er Jahre. Bewegend schildert er all die Wirren, die die Schusters durchlebt haben. Das Einbeziehen historischer Ereignisse macht den Roman zu einem lebendigen Zeugnis der jüngeren Geschichte.

Leseprobe:

Je schneller die Jahre vergingen, desto mehr rückten die Erzählungen der Mutter in Jan-Pauls Erinnerungsträume. Wie hatte er als ihr Kleiner ständig an ihrem Arm gehangen, ungeduldig an ihm gezerrt: Erzähl mir was!
Mein Kleiner, so nannte ihn die Mutter, weil er ihr Letzter, ihr Jüngster war. Worüber sie erzählte, blieb im Hirn des Kleinen haften wie Gerstengrannen im Wollpullover. Die Mutter, wie alle Marjas Marka genannt, das älteste der Jakobik-Kinder, wuchs in dem kleinen Dorf Lieske auf – am Spreebogen, noch weiter unten in der Heide gelegen als Kaschel-Kießlitz. Lieske in Sachsen, zweihundert Schritt weiter Preußen, Provinz Schlesien, eine Lichtung, rundherum nur Wald und die vielarmige Spree. Zur Schule mussten die Liesker nach Preußen gehen, nach Mönau-Rauden. In der preußischen Schule lernte Marja Luthers Kleinen Katechismus auswendig, dazu die Geburtstage der Kaiser und Könige und "Lieb Vaterland, magst traurig sein". Und natürlich Deutsch sprechen, einigermaßen. Die Liesker Kinder liefen immer im Gänsemarsch, geführt von Marja. Sie deklamierte die Zehn Gebote: Du sollst nicht Ehebrechen … Was ist das? Alle wiederholten Marjas Vorgesang.
Die Liesker konnten die Texte auswendig aufsagen, weil sie einen langen Schulweg hatten. In der Schule saßen alle acht Schuljahre in einem Raum, die Ältesten ganz vorn, auch Marja, den Stock vor Augen, der sofort auf den Kopf niederging, wenn dem Lehrer etwas missfiel. Vor allem, wenn ein sorbisches Wort herausrutschte.
Als Student fand Jan-Paul in einem alten niederschlesischen Heimatkalender einen Artikel: Beim Schulmeister in der Heide.
»Mit dem Stock zeigt er aufs Fenster – und alle Kinder in der Klasse müssen Fenster sagen. So bringt er ihnen Schritt für Schritt die deutsche Sprache bei. Sobald sie das Schulhaus verlassen, fallen sie wieder zurück ins Wendische. Eine primitive Sprache, so primitiv wie das Leben dieser Menschen hier. Der Schulmeister, der seinen linken Unterarm dem Vaterland geopfert hat, führt sie in die deutsche Kultur ein, was schon frühmorgens mit der Kontrolle der Hände beginnt …«
Es war der Kalender für das Jahr 1917. Marja ging von 1910 bis 1918 zur Schule. Sie hatte Jan-Paul erzählt: Da war dieser Lehrer nach Mönau-Rauden gekommen. Sein Vorgänger, Lehrer Scharsig, hat nicht in den Krieg gewollt. Er bockt, haben die Liesker Männer gesagt. Als ihn die Gendarmen holen kamen, hat er sich zu Boden geworfen. Da haben die Liesker Männer den Scharsig auf den Handwagen gelegt. Er ist liegend in den Krieg gezogen worden und von dort nicht mehr zurückgekehrt. Dafür kam dann der andere mit nur einem Arm. Der war streng, hat die Schule in Mönau-Rauden als deutsche Schule gemeldet. Seitdem durften wir nicht mehr wendisch reden, alles nur deutsch. Sonst haben wir eine Fauze bekommen, dass es im Ohr summte. Er tat das wegen der Prämie. Für seinen Eifer hat er den Bismarcktaler erhalten, ein Goldstück, von der Amtshauptmannschaft in Liegnitz, für die Schulleiter, die ihre Schulen als deutsche Schule gemeldet hatten.

Aus dem Nachwort von Jurij Koch

»Was Paul Schuster als geschundener alter Mann mühselig aufs Blatt tippt, ist die bittere Erkenntnis, dass die vormaligen idealischen Vorstellungen vom schönen Leben in die Binsen des Paradieses gegangen sind. All dies ist geschehen während einer langen Zeit, in der die Nachbarn von Zement-Schuster (in deren Augen ein wendischer Klugscheißer) dessen endlichen Niedergang immer schon vorausgesehen haben.
Der Sohn, der nach langer Zeit wieder einmal gekommen ist, um den Vater, von dem er sich weitgehend entfremdet hat, zu besuchen, und eben im Begriff ist, die Tür zu öffnen, hinter der er die Geräusche der Schreibmaschine vernimmt, hört plötzlich einen dumpfen Knall. Er gibt sein Vorhaben auf und verlässt das Haus. Und wir Lesenden, in Lektüre-Neugier versetzt, eilen mit Jan-Paul davon, geraten auf verschlungenen, sich kreuzenden, wiederholt betretenen Pfaden in die Welt einer Familien-Chronik, wie sie in solch epischer Breite in der sorbischen Literatur noch nie erzählt worden ist.«

Zusatzinformation

ISBN 978-3-7420-2304
Sprache des Artikels Deutsch
Bibliografische Angaben 1. Aufl. 2014, 616 S., Taschenbuch

Verfügbarkeit: Auf Lager

Lieferzeit (Arbeitstage): 2-3

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Inmitten der Oberlausitz, am Heiderand versteckt, liegt eine idyllische Fünf-Häuser-Siedlung, die »Paradies« genannt wird. Dort wohnt der sorbische Bauunternehmer Paul Schuster mit seiner Frau, seiner zweiten, und er könnte den wohlverdienten Ruhestand genießen, stünde da nicht als bitteres Fazit: »Alles falsch gemacht im Leben«. Gedrängt von seinem Sohn, verbringt Schuster seine alten Tage damit, sich an das Erlebte zu erinnern.
Christian Schneider fügt die Erinnerungen des Vaters und die des Sohnes zu einem dokumentarischen Epochenroman, der sich dem Leben einer Familie über drei Generationen widmet, ausgehend vom Anfang des 20. Jahrhunderts bis in dessen 80er Jahre. Bewegend schildert er all die Wirren, die die Schusters durchlebt haben. Das Einbeziehen historischer Ereignisse macht den Roman zu einem lebendigen Zeugnis der jüngeren Geschichte.

Leseprobe:

Je schneller die Jahre vergingen, desto mehr rückten die Erzählungen der Mutter in Jan-Pauls Erinnerungsträume. Wie hatte er als ihr Kleiner ständig an ihrem Arm gehangen, ungeduldig an ihm gezerrt: Erzähl mir was!
Mein Kleiner, so nannte ihn die Mutter, weil er ihr Letzter, ihr Jüngster war. Worüber sie erzählte, blieb im Hirn des Kleinen haften wie Gerstengrannen im Wollpullover. Die Mutter, wie alle Marjas Marka genannt, das älteste der Jakobik-Kinder, wuchs in dem kleinen Dorf Lieske auf – am Spreebogen, noch weiter unten in der Heide gelegen als Kaschel-Kießlitz. Lieske in Sachsen, zweihundert Schritt weiter Preußen, Provinz Schlesien, eine Lichtung, rundherum nur Wald und die vielarmige Spree. Zur Schule mussten die Liesker nach Preußen gehen, nach Mönau-Rauden. In der preußischen Schule lernte Marja Luthers Kleinen Katechismus auswendig, dazu die Geburtstage der Kaiser und Könige und "Lieb Vaterland, magst traurig sein". Und natürlich Deutsch sprechen, einigermaßen. Die Liesker Kinder liefen immer im Gänsemarsch, geführt von Marja. Sie deklamierte die Zehn Gebote: Du sollst nicht Ehebrechen … Was ist das? Alle wiederholten Marjas Vorgesang.
Die Liesker konnten die Texte auswendig aufsagen, weil sie einen langen Schulweg hatten. In der Schule saßen alle acht Schuljahre in einem Raum, die Ältesten ganz vorn, auch Marja, den Stock vor Augen, der sofort auf den Kopf niederging, wenn dem Lehrer etwas missfiel. Vor allem, wenn ein sorbisches Wort herausrutschte.
Als Student fand Jan-Paul in einem alten niederschlesischen Heimatkalender einen Artikel: Beim Schulmeister in der Heide.
»Mit dem Stock zeigt er aufs Fenster – und alle Kinder in der Klasse müssen Fenster sagen. So bringt er ihnen Schritt für Schritt die deutsche Sprache bei. Sobald sie das Schulhaus verlassen, fallen sie wieder zurück ins Wendische. Eine primitive Sprache, so primitiv wie das Leben dieser Menschen hier. Der Schulmeister, der seinen linken Unterarm dem Vaterland geopfert hat, führt sie in die deutsche Kultur ein, was schon frühmorgens mit der Kontrolle der Hände beginnt …«
Es war der Kalender für das Jahr 1917. Marja ging von 1910 bis 1918 zur Schule. Sie hatte Jan-Paul erzählt: Da war dieser Lehrer nach Mönau-Rauden gekommen. Sein Vorgänger, Lehrer Scharsig, hat nicht in den Krieg gewollt. Er bockt, haben die Liesker Männer gesagt. Als ihn die Gendarmen holen kamen, hat er sich zu Boden geworfen. Da haben die Liesker Männer den Scharsig auf den Handwagen gelegt. Er ist liegend in den Krieg gezogen worden und von dort nicht mehr zurückgekehrt. Dafür kam dann der andere mit nur einem Arm. Der war streng, hat die Schule in Mönau-Rauden als deutsche Schule gemeldet. Seitdem durften wir nicht mehr wendisch reden, alles nur deutsch. Sonst haben wir eine Fauze bekommen, dass es im Ohr summte. Er tat das wegen der Prämie. Für seinen Eifer hat er den Bismarcktaler erhalten, ein Goldstück, von der Amtshauptmannschaft in Liegnitz, für die Schulleiter, die ihre Schulen als deutsche Schule gemeldet hatten.

Aus dem Nachwort von Jurij Koch

»Was Paul Schuster als geschundener alter Mann mühselig aufs Blatt tippt, ist die bittere Erkenntnis, dass die vormaligen idealischen Vorstellungen vom schönen Leben in die Binsen des Paradieses gegangen sind. All dies ist geschehen während einer langen Zeit, in der die Nachbarn von Zement-Schuster (in deren Augen ein wendischer Klugscheißer) dessen endlichen Niedergang immer schon vorausgesehen haben.
Der Sohn, der nach langer Zeit wieder einmal gekommen ist, um den Vater, von dem er sich weitgehend entfremdet hat, zu besuchen, und eben im Begriff ist, die Tür zu öffnen, hinter der er die Geräusche der Schreibmaschine vernimmt, hört plötzlich einen dumpfen Knall. Er gibt sein Vorhaben auf und verlässt das Haus. Und wir Lesenden, in Lektüre-Neugier versetzt, eilen mit Jan-Paul davon, geraten auf verschlungenen, sich kreuzenden, wiederholt betretenen Pfaden in die Welt einer Familien-Chronik, wie sie in solch epischer Breite in der sorbischen Literatur noch nie erzählt worden ist.«

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ISBN 978-3-7420-2304
Sprache des Artikels Deutsch
Bibliografische Angaben 1. Aufl. 2014, 616 S., Taschenbuch